15. Juli 2026
Nur Fieberkrampf oder doch Status epilepticus?
2–5 % aller Kinder erleben einen Fieberkrampf. Damit gehört dieser zu den häufigsten Meldestichworten in der Kindernotfallmedizin. Typischerweise kommt es im Rahmen eines viralen Infektes beim Fieberanstieg und der dadurch verminderten Erregbarkeitsschwelle des Cortex zu einem klonisch-tonischen Krampfanfall, der nicht länger als 5 Minuten dauert. Meistens treten Fieberkrämpfe im Alter zwischen dem 6. Lebensmonat und dem 5. Lebensjahr auf.1,2
Der erste Schritt ist immer derselbe: eine sichere Situation herstellen. Das Kind aus Gefahrenzonen entfernen, in stabile Seitenlage bringen, Atemwege freihalten oder durch Lagerung, Esmarch und Ähnliches unterstützen. Keine Gegenstände in den Mund stecken – die Verletzungsgefahr ist höher als der Nutzen. Wichtig: Uhrzeit des Anfallsbeginns registrieren!
CAVE: Bei Säuglingen ist die Pyramidenbahn noch nicht so ausgereift und es kann regelhaft dazu kommen, dass bei einem Krampfanfall oder sogar einem Status epilepticus keine tonisch-klonischen Krampfzeichen sichtbar sind. Vorliegende Zeichen können zum Beispiel sein:
- Blickdeviation oder starrer Blick
- Blinzeln, Lidmyoklonien, Augenflattern
- orale Automatismen wie Schmatzen, Kauen, Saugen
- subtile Zuckungen einzelner Muskelgruppen, z. B. im Gesicht oder an den Extremitäten
- Atemveränderungen, Apnoen
- Bewusstseinsstörung bzw. fehlende Reagibilität
- plötzliche Apathie, Schläfrigkeit, reduzierte Interaktion
- vegetative Zeichen wie Tachykardie oder Pupillenveränderungen
Alle genannten Zeichen können auch sehr diskret sein, sodass im Zweifel nur mithilfe eines EEGs ein Status epilepticus sicher nachgewiesen oder ausgeschlossen werden kann.
Unterscheidung zwischen Fieberkrampf und Status
Handelt es sich wirklich „nur“ um einen Fieberkrampf, liegt ein sich selbst limitierendes Ereignis ohne Langzeitfolgen oder Komplikationen vor. Wenn der Krampf länger als 5 Minuten anhält, gilt er als prolongiert und wenn er länger als 30 Minuten anhält, muss mit bleibenden Schäden gerechnet werden.
Dementsprechend ist dann eine medikamentöse Intervention unumgänglich!
Ab ca. 3 Minuten Anfallsdauer: medikamentöse Therapie beginnen. Medikamente der ersten Wahl sind Benzodiazepine, die am einfachsten über Schleimhäute (bukkal, nasal, wenn nicht anders möglich auch rektal) verabreicht werden. Der größte Vorteil hierbei ist, dass so zunächst kein i.v.-Zugang nötig ist. Dementsprechend können Benzodiazepine beispielsweise bereits von den Eltern verabreicht werden. Erfolgsrate: 60–80 %. Bukkales Midazolam zeigt in Metaanalysen höhere Erfolgsraten und eine schnellere Wirkung als rektales Diazepam3 und ist psychosozial verträglicher.
MERKE: Midazolam bukkal: 2,5 mg (<1 J.), 5 mg (<5 J.), 7,5 mg (<10 J.), 10 mg (≥10 J.).
Es gibt keine ausreichende Evidenz dafür, welches Medikament in welcher Situation das „Richtige“ ist. Entscheidend ist, dass in jeder Klinik ein standardisiertes Vorgehen etabliert wird – und dass die erste Medikamentengabe nicht unnötig verzögert wird: z. B. Levetiracetam (40 mg/kg), Phenobarbital (15 mg/kg), Phenytoin (20 mg/kg) oder Valproat (20 mg/kg) intravenös.
Aber auch vorsichtige Einzelgaben von Sedativa/Narkotika (z. B. Propofol) sind gut, vor allem, wenn die Anwender sich mit dem Medikament gut auskennen.
Das Wichtigste ist: Eine verzögerte Erstgabe führt zu verspäteten Folgegaben und zu längerer Statusdauer mit erhöhter Mortalität.4
Das Pädiatrische Notfalllineal PädNFL gibt hierzu klare Empfehlungen und konkrete Dosierungen, sodass es gut und sicher auch durch eine solche Situation eines Statutes epilepticus leitet.
Im Krankenhaus muss parallel zur Anfallstherapie weitere Diagnostik abgewogen werden. Jedes Kind mit ungeklärter Ursache sollte eine bildgebende Untersuchung erhalten; bei Fieber ist an eine Lumbalpunktion zu denken.
Literatur:
- Borggäfe I, et al. Fieberkrämpfe – Diagnostik, Therapie und Beratung. Monatsschr Kinderheilkd 2013;10 (161):953–962
- Tacke M, et al. Therapie des akuten epileptischen Anfalls. Monatsschrift Kinderheilkunde 2020;2 (168):113–117
- McMullan J, et al. Midazolam versus diazepam for the treatment of status epilepticus in children and young adults: a meta-analysis. Acad Emerg Med 2010;6 (17):575–82
- Gainza-Lein M, et al. Association of Time to Treatment With Short-term Outcomes for Pediatric Patients With Refractory Convulsive Status Epilepticus. JAMA Neurol 2018;4 (75):410–418



